rawene – ngawha springs

ich schlafe nicht so gut in der cabin, vermisse draussen. vermisse die geräusche, die frische luft, die kühle. das gefühl ist bekannt, ich hatte es ab und zu, wenn ich nicht im zelt übernachtete. aber es war schon länger nicht mehr so stark.

der morgen ist grau und recht frisch. ich fahre ohne sonnenbrille los, das ist sehr selten. nach einem ersten hügel bleibt es lange flach, eine angenehme strasse. eine weile begleiten mich noch mangroven, zwischen den büschen ist schmutziges wasser erkennbar.
wieder ein mikrowellenbriefkasten und später die hülle eines alten computers.

plötzlich auf der linken seite eine raststätte, the goldfish corner. zuerst fahre ich vorbei, kehre dann aber um und bestelle einen cappuchino. die frau fragt mich, wohin ich fahre und dann erzählt sie mir, was mich bei den ngawha springs erwartet. man bade mit badekleidung, müsse diese aber nachher gut waschen, da der schwefel agressiv sei. sie schenkt mir ausserdem zwei pfirsiche. sie riechen gut, sind aber noch recht hart und schmecken etwas sauer. und nach viel tanninen. aber ich habe schon oft pfirsichbäume am wegrand gesehen.

unterwegs nach ngawha springs

unterwegs nach ngawha springs

nach etlichen weiteren flachen kilometern beginnt die strasse, anzusteigen. ich denke immer mal wieder an die strasse von aarberg nach meikirch. die ansteigende strasse, die verstreuten betriebe, die weite sicht aufs land, das viele grün, die weiden. der „jura“ ist hier aber näher, bewaldeter und der baumbestand erkennbar anders. ausserdem fallen auch die baumfarne am strassenrand aus dem bild.

kaikohe ist ein grösserer ort mit allem, was dazu gehört. die bevölkerung besteht vorwiegend aus maori. frauen mit kindern sitzen auf bänken und reden. männer stehen vor geschäften und reden. pickups kommen und gehen. ich werde gemustert. bei einem coiffeurladen frage ich spontan nach einem termin, aber ist nichts frei.
also erstmal kaffee und was essen und lesen. auch im cafe vorwiegend maori und eine asiatische grossfamilie. ich bin hier auf mehreren ebenen fremd und zwar deutlich erkennbar. es ist nicht unangenehm, denn es ist einfach eine kleinstadt zu späterer mittagszeit. und trotzdem bin ich mir ständig bewusst, dass ich auffalle.
ich habe hemaima geschrieben, dass ich in kaikohe bin. etwas später ruft sie an und sagt, tahi sei zu hause, ich könne also jederzeit dorthin gehen.

so gegen halb drei mache ich mich auf den weg. vier kilometer nach kaikohe biegt rechts die ngawha springs road ab und ich folge ihr durch noch stehenden und bereits abgeholzten nutzwald. als ich weiter vorne die ersten häuser erkenne, rieche ich es schon: schwefel.

tahi mäht den rasen, das ist des neuseeländers lieblingsbeschäftigung. kotiro, die kleine wuschelige hündin, springt ganz aufgeregt hinter dem gatter auf und ab. wegen des velos, sagt tahi. er bietet mir eine cola an, warnt mich aber, sie sei gewöhnungsbedürftig. ich schaue mir die vertraute rotweisse etikette genauer an und identifiziere die sprache als thai. cola ist ja nicht überall das gleiche rezept. gemäss der macdonaldisierungsthese wird nach der maxime „so global wie möglich, so lokal wie nötig“ gehandelt. offenbar ist cola in spanien deutlich süsser als bei uns, weil es so eher dem nationalgeschmack entspricht. das cola aus thailand hatte weniger kohlensäure und einen – gutmütig als eigenwilligen bezeichneten – beigeschmack. ach, und fanta trinke ich hier nicht mehr. die farbe ist knallorange, es hat weniger kohlensäure, ist süsser und wirkt dadurch immer etwas abgestanden.

nach einer dusche suche ich mir an tahis ipad die übernachtungsmöglichkeiten bis auckland heraus. später sitzen wir vor dem haus in der sonne und plaudern. tahi nennt das nachdenken. ich frage ein paar sachen über die maori und er erklärt, wie ein anlass in einem marae abläuft. eine frau begrüsst alle besucherlnnen, die gruppenweise eintreten. dabei wird von ihr erwartet, dass sie weiss, wen sie vor sich hat. bei einer beerdigung, die zum beispiel drei tage dauert, kommen ständig leute an.
bei versammlungen können vorstellungsrunden sehr lange dauern. je nachdem, wie gut man sich kennt, sagt man mehr oder weniger über sich.
ich kann mir vorstellen, dass die europäischen siedlerlnnen davon überfordert waren und wenn man die sprache nicht versteht, kommt einem das bestimmt auch sehr lange vor. tahi muss lachen. ja, für die pakeha wäre es besser, einen ablauf auf zu zeichnen. tag 1: phase eins begrüssung, tag 2: phase 36, begrüssung… dazu lacht er selbstkritisch.
wir reden auch über den vertrag von waitangi. viele kiwis wüssten gar nicht genau, was darin stehe. zur erinnerung: es sind drei artikel. er finde, man solle endlich einmal die ganzen rechtsstreitereien lösen und als nation weiterkommen. ich frage, ob es auch radikale gruppen gebe. er meint, ja klar. es habe sogar zeiten gegeben, als maori im ausland ausgebildet worden seien mit dem ziel, die regierung zu stürzen. aber da sei die heiraterei zwischen maori und pakeha schon zu weit fortgeschritten gewesen. ein bürgerkrieg sei schlecht, wenn ein relevanter teil der bevölkerung zu beiden gruppierungen gehöre. zum glück sei die nation klein genug, um es zu schaffen. er fragt mich, wie wir das machen in der schweiz. ich gebe auskunft, erinnere ihn aber daran, dass ich zur sprachlichen und kulturellen mehrheit gehöre.

nach einem spaziergang runter zum bad, das ich abends mit hemaima besuchen werde, kocht tahi und bald kommt hemaima heim. sie ist gelernte pflegefachfrau, arbeitet heute im managementbereich. organisiert weiterbildungen, austausche unter pflegefachkräften usw. auch tahi ist im gesundheitsbereich tätig. eben war er in auckland für drei tage. er berät unternehmen und staatliche institutionen im bereich gesundheitssysteme.

nach einem sehr ausführlichen tischgebet gibt es wraps mit gemüse, salat und hühnchenpfanne. hemaima gehört zu den latter-days saints, die gehören zu den mormonen. tahi hat gesagt, manchmal sei das für hemaima etwas schwierig zu vereinen mit dem maori-sein. ich habe ihn darauf angesprochen, weil an der wand ein christlicher text hängt, der mit maori-symbolen hinterlegt ist.
beim essen erzählt hemaima von einer diskussion, die sie heute mit einigen physios hatte. warum maori und ärmere bevölkerungsteile so selten gesundheitsdienstleistungen in anspruch nehmen, obwohl sie teilweise gratis erhältlich seien. bei der folgenden diskussion höre ich vor allem zu, wie sich experte und expertin austauschen. maori haben eine signifikant tiefere lebenserwartung als pakeha.

hemaima und tahi sind sehr angenehme leute. gastfreundlich und offen, diskutieren gerne und hören sehr gut zu. von ihnen wurde ich im gespräch nicht unterbrochen, auch wenn ich etwas länger nach einem wort suchen musste. ausserdem können sie lachen!

zum baden gehen wir erst, nachdem das bad um neun geschlossen hat und zwar durch die für die einheimischen gedachte sogenannte gentlemen’s pforte. das stellt sich allerdings weniger hochtrabend als palette heraus, die man am zaun zur seite schieben kann. im licht des fast-vollmondes tappen wir durch etwas, das wie ein bauplatz aussieht, zu den pools. das warme wasser ist hier nicht weit unter der erdoberfläche und in den boden sind gruben eingelassen, die mit holzbalken ausgekleidet sind. sie füllen sich natürlicherweise und alle paar tage wird das wasser abgesaugt und neues kommt nach. wir testen die wassertemperatur mit den füssen und die meisten pools sind sehr heiss.
schliesslich finden wir einen passenden und sitzen schon bald im warmen wasser, über uns mond und sterne.
tahi ist nicht mitgekommen, er mag keine hotpools mit badekleidung. er kommt aus der umgebung von rotorua und seine gemeinde hat eigene pools. die meisten leute gehen morgens und abends zum pool. so sei er aufgewachsen. seine familie sei jeweils um sechs uhr morgens und um sieben uhr abends baden gegangen. da es viele leute waren, gab es diesen fahrplan. und alle immer nackt und gemischt. so seien sie mit der verschiedenartigkeit der leute aufgewachsen und hätten sich schon mal eine kopfnuss eingefangen, wenn sie beim starren erwischt worden seien.

später wechseln wir den pool. kotiro ist mitgekommen und streunt um die becken. hemaima züchtet mit ihr und verkauft die welpen. die gehen hier weg wie warme weggli und für ziemlich viel geld. das legt sie in konten für ihre enkelkinder an.

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