omapere

ich bleibe zwei nächte bei marara und gehe heute abend zur twilight tour. marara bricht zu ihrem morgendlichen spaziergang auf und ich verkrieche mich mit einem tee und einem buch wieder im bett.

der tag vergeht mit frühstücken, lesen und bloggen. zwischendurch kommt ein gespräch auf und verebbt wieder. es windet stark und kalte luft kommt durch alle ritzen.

mein zimmer bei marara

mein zimmer bei marara

tuka, aussicht ueber mararas terrasse auf den hokianga harbour

tuka, aussicht ueber mararas terrasse auf den hokianga harbour

um drei geht marara zu einem termin. tuka der hund liegt angebunden auf der veranda. plötzlich schlägt regen waagrecht an die scheibe. tuka reisst am seil, will weg vom regen. ich hetze nach draussen, kaum mache ich die tür auf, strebt er rein. ich zerre ihn raus, da ich das seil erst abmachen muss. er scheints zu verstehen und hält still. dann aber sofort rein auf auf den teppich liegen.

um sechs geh ich zur twilight tour. bill ist um die sechzig, dunkle ledrige haut, lange schwarze, etwas ölige locken, silbrig durchzogen. ausser mir ist nur ein englisches paar aus dorset dabei, sie management-consultant, er pensionierter polizist.

in 20 minuten sind wir im waipoua forest. 2 prozent des ehemaligen kauri-bestandes (kauri sprich man offenbar wie „cody“ aus) sind heute noch vorhanden und seit 1905 geschützt. etwas später wurde auch die gewinnung von gummi (harz) verboten. immer wieder sagt er „welcome to our land“ und später „welcome to waipoua forest“. waipoua bedeutet soviel wie regen im wald in der nacht.
bill erzählt von den possums. ich habe nicht gewusst, dass sie auf die bäume klettern und die blätter fressen. mangels assimilationsfläche stirbt der baum. plötzlich fallen mir all die toten bäume auf. possums würden auch die strommasten raufklettern und da rumknabbern, aber davon werden sie durch bleche abgehalten, die an den masten angebracht sind.

te matua ngahere

te matua ngahere

der kauri stoesst die aeste ab, inklusive astknoten

der kauri stoesst die aeste ab, inklusive astknoten

zuerst gehen wir zu te matua ngahere, vater des waldes, zweitgrösster kauri der welt. als wir aus dem auto steigen, singt ein tui. dieser vogel ist in der dämmerung zu hören. es regnet. bill wirft sich einen langen wachsmantel über. bevor der weg in den wald geht, müssen die schuhe gereinigt werden. die kauri leiden an einer krankheit, kauri dieback disease durch phythophtora taxon agathis. das bedeutet, vor dem betreten des waldes schuhe bürsten, nach verlassen schuhe bürsten und sohle sprayen.

nach einigen metern holt bill einen wanderstock aus dem gebüsch und wandert voran. in der einsetzenden dämmerung folgen wir der gestalt mit dem langen haar, dem wehenden mantel und dem stock. ich denke an gandalf. oder dumbledore.

te matua ngahere taucht etwa nach 25 minuten auf. beinahe übermächtig steht er da. siebzehn meter umfang, das ist kaum vorstellbar und da man nich an den baum herantreten kann, auch nicht greifbar. die stammhöhe (bis zum ersten ast) beträgt gute 10m. die „grösse“ eines kauri bemisst sich nach stammhöhe mal umfang.
bill begrüsst te matua ngahere, als wir herantreten. wir stehen dort im wald und lauschen der alten sprache.

beim kauri sind weibchen und männchen auf dem gleichen baum. bill lässt weibliche und männliche zapfen herumgehen. nach der befruchtung fallen die männlichen zapfen zu boden, die weiblichen wachsen bis auf tennisballgrösse heran. so gegen ende märz platzen sie und helikoptersamen segeln zu boden. interessant – und auch grund für die massive abholzung – ist, dass der kauri beim wachsen die äste abwirft. und zwar inklusive astknoten. ausserdem wachsen die bäume ans licht. sie bilden also die höchste schicht des blätterdachs. haben sie das licht erreicht, wachsen sie in die breite. dabei werfen sie auch die rinde ab, und mit ihr oft auch schmarotzer, schädlinge und pilze. kauri bedeutet also viel holz und lange stämme ohne astlöcher. prädestiniert für den schiffbau.
bill erzählt, wie der kauri zu seiner schuppigen rinde gekommen ist. der wal, könig des meeres, lehnte sich einst aus dem wasser und fragte tane, den gott des waldes, ob er nicht ins wasser wechseln und mit ihm und den fischen schwimmen wolle. ja doch, gerne, sagte tane, aber ich habe keine schuppen wie du. also gab der wal tane sein schuppenkleid. bevor tane sich ins meer aufmachte, sah er seine kinder an und konnte sich nicht von ihnen trennen. gott des meeres, sagte er, ich kann dein angebot nicht annehmen, es tut mir leid. seither hat der kauri schuppen und der wal keine mehr.
bevor wir weitergehen, legt bill eine schweigeminute für te matua ngahere ein. ich schaue auf den dreitausendjährigen baum und schicke von seiner kraft zu grossmueti in die schweiz.

die nächste station sind die vier schwestern. auf dem weg dahin hören wir einiges über den kiwi. zum beispiel, dass er für seine grösse ein riesiges ei hat. auf dem röntgenbild sieht es aus, als habe der vogel nichts ausser das ei in sich.
die vier schwestern sind vier eng zusammenstehende kauri. daher ist klar, dass sie eng verwandt sein müssen. weiter entfernt verwandte kauri gedeihen so eng nebeneinander nicht.

the four sisters - jeweils zwei hintereinander

the four sisters – jeweils zwei hintereinander

und dann gehts auf zu tane mahuta. die physische repräsentation des gottes des waldes. das sollen wir nicht vermischen, schärft bill uns ein. der regen hat aufgehört. bill sprayt unsere schuhe, als wir aus dem wald treten. wir fahren ein paar kilometer zurück. da es mittlerweile dunkel ist, erhalten wir taschenlampen. der parkplatz ist leer, tagsüber herrscht hier sicher vollbetrieb. im dunklen wald raschelt und knackt es, vögel sind zu hören. ich erkenne das käuzchen. silberfarn schimmert hell. laut bill haben seine vorfahren das zur orientierung im nächtlichen wald genutzt: die helle unterseite in richtung heimweg auf den boden gelegt.
die umrisse von tane mahuta sind vor dem abendhimmel deutlich auszumachen. mit 17 m stammhöhe und fast 14 m umfang ist tane mahuta der grösste lebende kauri. bills taschenlampe wandert an der gemusterten rinde empor. in der krone wachsen über 40 verschiedene pflanzen. darunter auch die rata. die pflanze klettert zu boden, installiert sich da und erdrückt oft nach und nach ihren wirt. bill sagt strangulieren. obwohl das faktisch stimmt, finde ich, das wort bezeichnet eine böse absicht. die rata ist nicht böse, sie ist. sie tut, was sie tut. der dicke ratastamm konnte aber tane mahuta nichts anhaben. ein ast ist abgebrochen und hat die rata mit sich genommen.
bill singt/betet wieder. wir stehen im dunkeln, hören den worten zu. es stimmt irgendwie. die nächtlichen geräusche, die dunkelheit, die kühle luft, die stimme, die fremden worte.
später erzählt bill eine legende. tane mahutas kinder, die bäume, seien einst zunehmend von insekten befallen worden, darum sucht der gott des waldes hilfe bei den vögeln. tui, kommst du runter vom baum und hilfst mir, meine kinder von den insekten zu befreien? fragte er. nein, sagte tui, ich habe angst vor der dunkelheit. also fragte tane den pukeko. nein, sagte der, ich will keine nassen füsse kriegen. auch der kuckuck sagte nein, er müsse sich um das nest und seine familie kümmern. also fragte tane den kiwi. willst du runterkommen vom baum und meine kinder von den insekten befreien? ja, sagte der kiwi. auch wenn du dadurch die fähigkeit am tag zu sehen und zu fliegen verlierst, fragte tane. ja, sagte der kiwi, ich helfe dir, tane. tane dankte ihm. zum tui sagte er, weil du dich vor der dunkelheit fürchtest und mir nicht helfen wolltest, sollst du fortan zwei weisse federn am hals tragen und darfst erst schweigen, wenn du die tiere der nacht für ihren einsatz geweckt hast. du, pukeko, wolltest keine nassen füsse kriegen und wolltest mir deshalb nicht helfen. du sollst fortan in den sümpfen leben. und du, kuckuck, hattest keine zeit für mich wegen deines nestes und deiner familie. du wirst in zukunft beides nicht mehr haben, sondern deine eier in fremde nester legen. der kiwi aber, der mir hilft, obwohl er dadurch das tagsehen und das fliegen aufgeben muss, ist der edelste vogel in diesem land. darum auch der nationalvogel aotearoa neuseelands.
wieder eine schweigeminute. dann bedankt sich bill für unseren besuch und unser interesse und drückt uns ein stück kauri-harz in die hand. mit der zeit fallen diese stücke von den bäumen ab. maori haben sie schon früher gesammelt.

im auto zurück möchte bill ein feedback haben. ich sage ihm, dass ich die kleine gruppe schätzte. es war ein schönes erlebnis und ich kann mir nicht vorstellen, dass es mit 20 oder 30 personen das gleiche gewesen wäre. er erzählt noch etliches über die zusammenarbeit mit dem stamm der te roroa, die im waipoua forest wohnen und für die aktivitäten und die organisation rund um den wald und die kauri zuständig sind.

ich werde bis vor die haustüre gebracht. marara schaut einen krimi. ich schaue mit und erzähle ihr in den werbepausen vom abend.

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